Rezensionen

Volkhard Brandes über Hasan Dewran:

„Hasan Dewrans Gedichte verweigern sich dem schnellen, oberflächlichen Konsum.
Es ist eine Lyrik der leisen Töne und der Nuancen, der Neugier und des Staunens, der präzisen Beobachtung und der gründlichen Reflexion, der Melancholie und der Verzweiflung, aber auch des Widerstandes und der nie ganz verlorenen Hoffnung.

In ihr verarbeitet der Dichter sein Leben in drei Kulturen – der zaza, der türkischen  und der deutschen – und weist zugleich darüber hinaus auf die Universalität menschlicher Erfahrungsmuster.

Es sind Gedichte eines Suchenden, eines Ruhelosen, in dem „die Stimme der Ferne manchmal... heult wie ein hungriger Felsenwind“.

...

„Dichter wie Hasan Dewran stellen diese Kultur auf den Prüfstand – nicht indem sie sie bloßstellen, sondern indem sie ihr ein Angebot unterbreiten.“

(aus dem Nachwort zu „Mit Wildnis im Herzen“)



Über Hasan Dewran erschienen:


Prof. Hans Werner Panthel: Hasan Dewrans Tausend Winde – Ein Sturm: Lyrische Intensionen auf der Suche nach sozialem Akzept. In: Germanistische Mitteilungen, Brüssel, Nr. 35/1992.



Lesung Hasan Dewran im Rahmen von Europa Morgen Land am 2. März 2008 im Café Laul / Ludwigshafen

Ich freue mich sehr, Ihnen Hasan Dewran vorstellen zu dürfen.

Hasan Dewran wurde 1958 als sechstes von sieben Kindern in einer alevitischen Zaza-Familie in der Osttürkei am oberen Euphrat geboren - 20 Jahre nach dem Massaker, das an der alevitischen Zaza-Bevölkerung durch türkisches Militär verübt wurde.
Hasan wuchs mit Geschichten über die Zeit der politischen Verfolgungen auf. Bereits mit 10 Jahren schrieb er Gedichte; als Gymnasiast wurde er wegen eines Gedichtes, das zu dem Massaker Stellung nahm, verhaftet und gefoltert.

Im Alter von 19 Jahren floh Hasan Dewran vor politischer Verfolgung nach Deutschland. Er studierte Psychologie an der Universität Mannheim und arbeitet seit 1988 als Psychotherapeut in Mannheim. Einige Jahre war er zusätzlich Mitarbeiter am Psychosozialen Zentrum für Flüchtlinge und Opfer organisierter Gewalt in Frankfurt am Main. Er lebt in Mannheim und hat drei Kinder.

Neben Ausbildung und Beruf ist Hasan Dewran dem Dichten immer treu geblieben. In einem Interview bemerkt er: „Das Studium und danach die langjährige Ausbildung standen oft in Konkurrenz zu meiner literarischen Arbeit, da beide zeitintensiv waren. Heute habe ich für mich einen Weg gefunden, wo ich mal mehr literarisch und mal mehr psychotherapeutisch tätig bin. Ich habe da ein gewisses Gleichgewicht, zumal die beiden sich gegenseitig sehr bereichern. Viele Eindrücke und verschiedene Lebensperspektiven fließen aus der Interaktion der psychotherapeutischen Tätigkeit in meine literarische Arbeit ein und zurück.“

Hasan Dewrans erster, 1983 erschienener Gedichtband „Entlang des Euphrat“ richtet den Blick noch primär auf die von Krieg, Unterdrückung, Armut und Verzweiflung gezeichnete Heimat. Die Gedichte sind in türkischer Sprache geschrieben und sind auf Deutsch und Englisch übersetzt worden.

Seit seinem zweiten 1988 erschienenen Gedichtband „Tausend Winde - Ein Sturm“ schreibt er auch in deutscher Sprache und - wie der „Mannheimer Morgen“ befand - „ungemein plastisch und bildstark“ selbst in deutscher Sprache.

Der kanadische Germanistikprofessor und Literaturkritiker Panthel, der einen Gedichtband ins Englische übersetzte, bescheinigt Hasan Dewran „eine Lyrik, die sich über dem Durchschnitt ethnospezifischer Dichtung bewegt… Das laute unnötig aktivistische Element ist ihr fremd - hier ist mehr Elegie, Verständnis, Wohlwollen und Liebe als berechtigte Anklage und Rezept für Ressentiment.“

Heute schreibt Hasan Dewran in drei Sprachen: in Deutsch, Türkisch und in seiner Muttersprache Zaza. Sich immer wieder die Sprache Zaza zu vergegenwärtigen, ist dem Dichter ein Anliegen; denn Zaza ist zwar in der Türkei heute geduldet, d. h. nicht verboten - jedoch an Schulen wird die Sprache nicht gelehrt; so sind Sprache und kulturelle Identität der Zaza langsam dem Vergessen preisgegeben.

Ein Zitat des Dichters verdeutlicht, dass aus seiner Sicht alle Sprachen als Ausdruck menschlicher Existenz zusammengehören. Er selbst findet sich in verschiedenen Sprachen und Kulturen aufgehoben. Ich zitiere aus der Rheinpfalz von 1991: „Die Sprachen sind die Stimmen der Völker. Sie sind wie die Blüten eines Baumes…Alle Völker sind Brüder. Alle Sprachen sind Schwestern. Ich lebe in drei Kulturen, in drei Welten und in drei Seelen. Drei Kulturen, Welten und Seelen leben in mir.“

Es ist eine Lyrik, die sich dem modischen Trend verweigert. Eine Lyrik, die mit eindringlichen poetischen Bildern von sozialen und emotionalen Bewegungen des Lebensflusses handelt, und die zugleich die widersprüchlichen Facetten der menschlichen Psyche beobachtet und beleuchtet.

Hasan Dewrans Poesie schöpft ihre Kraft aus Mythen, Märchen, Geschichten und vor allem aus der Begegnung mit der Natur - inspiriert von seiner Heimat Osttürkei, den schneebedeckten kargen Bergen, die von blühenden Wiesen eingerahmt sind - später beeindruckt von den gebirgigen Landschaften Westeuropas.

Neue Kraft erwächst Hasan Dewran auch aus dem Dichten selbst. In einem Aphorismus aus dem Gedichtband „Mit Wildnis im Herzen“ von 1998 heißt es:

„Beim Dichten
in jeder Sprache,
beginnen alle Worte
zu leuchten.“

Wir freuen uns nun auf das Leuchten der Worte von Hasan Dewran.

Anne B. Dell



Feudenheim: Eine lyrische Entdeckungsreise mit
Hasan Dewran im Kulturtreff


Wildnis im Herzen und Sanftmut im Wort

„Ich will in allen Sprachen, die ich kenne, singen, schreiben und dichten, träumen, denken und versinken“, bekennt Hasan Dewran. Wer dem in der Osttürkei geborenen und seit dreißig Jahren in Deutschland lebenden Schriftsteller und Psychotherapeuten begegnet, spürt vor allem: Neben Deutsch, Türkisch und seiner Muttersprache Zazaki dominiert die Sprache seines Herzens. Aus ihm spricht die Stimme der Ferne, mal wehmütig sanft, mal heulend, wie der Sturm, der über die schroffen Berge seiner Heimat braust. Im Feudenheimer Kulturtreff war Hasan Dewran nun zu Gast, um den Kreis der Zuhörer an seinen Gedanken, Reflexionen und Träumen teilhaben zu lassen. Begleitet von den meditativen Klängen des argentinischen Sitar-Spielers Emiliano Trujillo-Ripper, las die Vereinsvorsitzende Christine Schaefer aus seinen lyrischen Märchen, während die Schauspielerin Bettina Franke seine Gedichte vortrug. Sie arbeitet des Öfteren mit dem Autor zusammen und hat insbesondere die deutschen Texte für die CD-Produktion „Nähe und Ferne“ gelesen.

„Schreiben heißt unterwegs sein mit Gedanken und Träumen“

Zweifellos, Hasan Dewran schöpft seine Kraft aus dem Schreiben. Hier lebt er seine Sehnsüchte aus, wandert durch weite Länder, über endlose Ebenen, zu den Menschen seiner Heimatdörfer, den Bauern und Schafhirten, dem Derwisch und dem Geistlichen seiner alewitischen Religion (Pir). Zurückgekehrt in enge Räume wandert er weiter in Erinnerungen an seine Geliebte „mit dem Tambour in der Hand“ oder an den afrikanischen Sänger in Amsterdam (Waja,Waja). Zerbrechlich und doch voller Zuversicht sind seine Liebesgedichte, staunend seine Naturbeschreibungen, augenzwinkernd seine Beobachtungen über die kleinen Unzulänglichkeiten des menschlichen und tierischen Alltags („Unter Zeitdruck“, „In der finsteren Nacht“).

„Schreiben ist eine Leidenschaft, die einem tiefen Sehnen entspringt“

Sehnsucht spricht aus den Texten des Hasan Dewran, Sehnsucht nach klaren Linien und Gewissheiten, nach Liebe und Geborgenheit, nach Verständnis und Einsicht unter den Menschen. Doch die Erkenntnis nagt an der Seele, schürt seinen Zorn über die Widersprüchlichkeiten des Lebens, über den Unfrieden in der Welt. Vor allem aber schürt sie Zweifel an der Existenz schlechthin, fragt nach Zufälligkeiten und Relativitäten, wie es das Gedicht „So nebenbei“ in Worte fasst.

„Schreiben heißt Zweifel überwinden, Entäuschungen in Vertrauen verwandeln, Wut in Gelassenheit“

Wieder ist es das Schreiben, das Hasan Dewran hilft, seine Wut zu überwinden - vor allem über den Verlust seiner allmählich untergehenden Heimat, in der es bald nur noch „mehr Gendarme als Steine“ gibt. Mit der Gründung der türkischen Republik (1923) standen die osttürkischen anatolischen Gebiete unter Kontrolle. Durch den Krieg der kurdischen Freiheitsbewegung und die Eingriffe des türkischen Militärs wurden Dörfer geräumt, ihre Kultur, Religion und Sprache unterdrückt. Viele wanderten daraufhin aus, vorwiegend nach Europa. Allein in Deutschland leben etwa 250 000 Aleviten, die größtenteils ihre Zaza-Sprache mittragen.

„Schreiben ist meine Liebeserklärung an die Sprachen, die ich spreche“

Die bedrohte Kultur seines Ursprungslandes nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist ein großes Anliegen Dewrans. So wie er die Mythen und Märchen seiner osttürkischen Heimat in seine Aphorismen und Kurzgeschichten mit einfliessen lässt, so pflegt er auch seine Muttersprache. Selbst trug er seine Gedichte in Zaza vor, zur großen Freude der vielen alevitischen Besucher, die heute in Deutschland eine zweite Heimat gefunden haben. Christine Hartmann

Mannheimer Morgen vom 26.11.2008



Blühendes Zazaki

Der Lyriker Hasan Dewran im Reichert-Haus Zazaki sollte niemand mit einer Vorspeise verwechseln, denn diese Sprache wird in einer Gegend gesprochen, wohin vermutlich noch nie ein Tourist seinen Fuß gesetzt hat.

Schnee bedeckte Berge muss es dort geben und Rinder-, Ziegen, und Schafshirten, wie sie die antiken Bukoliker besangen.

Zazaki, verwandt mit dem Kurdischen und Persischen, ist die Muttersprache des seit 1977 in Deutschland lebenden und in Mannheim praktizierenden Psychotherapeuten Hasan Dewran.

Auf Zazaki, aber auch auf Türkisch und Deutsch, schreibt er Gedichte, Geschichten und Aphorismen. Am Donnerstag gab Hasan Dewran in der Reihe "Interkulturelle Kleinkunst" im Ludwigshafener Bürgermeister-Reichert-Haus eine Lesung aus seinen Büchern, darunter auch aus seinem zuletzt erschienen Gedichtsband "Mit Wildnis im Herzen".

Die drei Sprachen, und damit auch Kulturen, in denen er sich ausspricht, seien inzwichen Teile seiner Seele geworden, bemerkte der Lyriker während der Lesung. Ebenfalls eine Dreifaltigkeit hatten die Veranstalter, der Kleinkunstverein "focus" und die Arbeit mit ausländischen Vereinen der Stadt Ludwigshafen, mit dem russischen Gitarristen Alexej Liapko und der deutschen Schauspielerin Bettina Franke aufgeboten. Beide schmiegten sich an die leisen, fast zärtlichen Töne der Gedichtsprache Hasan Dewrans an.

Zazaki, zur indoeuropäischen Sprachfamilie gehörig, klingt unseren Ohren vertrauter als das aus der fernen asiatischen Steppe stammende Türkische. Unabhängig von der Sprache aber zaubern Dewrans Gedichte eine Märchenwelt von Mond und Sternen, Nachtfaltern und Glühwürmchen.

Wie im Märchen findet auch die dunkle Seite der Welt, Feindseligkeit und Trauer in ihnen Platz, wenngelich aufgehoben in deren vielfältiger Schönheit, mit der Betonung auf der Vielfalt.

Bezeichnend ist seine Überzeugung, Sprachen seien wie die Blüten eines Baumes. Wenn die Sprachen weniger würden, würden auch die Blüten weniger. (huf)

Die Rheinpfalz, 25.11.2000